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Silberne Torpedos in Belize -
die El Pescador Lodge in Ambergris Caye

 
El Pescador Lodge
   

Landung in Cancun – und dann immer weiter nach Süden, vorbei an Playa del Carmen, an den Ruinen der Mayastätten in Tulúm, dann durch einen Naturpark, Mangrovenwälder, mal hier, mal da eine Bananen-Plantage bis nach Chetumal, dem Grenzort zu Belize, wo wir die erste Nacht verbringen. Wir essen Guacamole und Tacco-Chips mit Salsa, Black Beans und Reis, scharf gewürzten Fisch mit viel Chili, und dann wollen wir nur noch schlafen.

Am nächsten Morgen um 3:00 Uhr wachen wir auf – Jetlack – und wir gehen durch menschenleere Straßen in Chetumal. Um 6:00 Uhr holt uns Jorge Morales ab, unser belizeanischer Chauffeur, der uns über die Grenze bringen soll. Wir fahren palmengesäumten Straßen entlang und sehen die erste Geschäftigkeit in der Stadt – Menschen, die zur Arbeit gehen und draußen hört man Papageien und sehr seltsame Vögel, die einen riesigen Krach machen.
Wir fahren wieder aus der Stadt und sehen auch schon die Hinweisschilder nach Belize und nach 10 Minuten stehen wir auf der mexikanischen Seite, alles geht sehr langsam, die Beamten sind überaus freundlich, winken uns weiter und wir fahren über eine gebogene Metallbrücke, sehen, dass sich auf der gegenüberliegenden Seite die Autos stauen, sehen eine Freihandelszone, geschäftiger Verkehr, ein Casino, Geschäfte und biegen auch schon zur belizeanischen Seite des Zoll ab. Wir müssen aussteigen, gehen ins Zollgebäude, werden freundlich begrüßt, man stempelt unseren Pass, fragt uns, wo wir hin wollen und wieder schauen wir in lächelnde Gesichter, als uns der Zollbeamte fragt, ob wir etwas zu verzollen hätten. Wir verneinen und dürfen auch schon weiter zum Wagen, der nun ein Stück weiter vorne steht. Wir passieren 2 weitere Kontrollpunke, werden freundlich weiter gewunken und sind endlich in Belize.
Nach einer weiteren Fahrt von etwas mehr als 10 Minuten erreichen wir das kleine Grenzstädtchen Corozal, fahren an blühenden Bougainvilleas vorbei, an vielen Kokospalmen und anderen Plantagen und biegen schließlich in eine kleine staubige Straße ein.
Nach wenigen Metern sehen wir den kleinen Flugplatz, eine oder zwei Baracken und eine Bar, aus der laute Musik dringt. Im selben Moment landet ein einmotoriges Flugzeug. Jorge besorgt uns unsere Boardingpass, versorgt unser Gepäck und der Flieger rattert mit lautem Motorendröhnen heran. 3 Personen steigen aus und im nächsten Moment wird auch schon unser Gepäck verstaut. Wir werden ins Flugzeug gebeten, das insgesamt Platz für 5 Passagiere bietet. Heute sind wir die einzigen Passagiere und der Captain erklärt uns, wo die Schwimmwesten sind und fordert uns auf, auf unserem 19-minütigen Flug zu relaxen - wir sind entspannt.
Wir starten auf einer sehr kurzen Startbahn und drehen gleich ab in die aufgegangene Sonne und nach wenigen Minuten sind wir über türkisfarbenem Wasser. Wir wissen nicht genau, sollen wir jetzt mehr Gefallen an den eher grünlicheren Tönen finden, oder ist das etwas blauere, kristallähnliche Wasser schöner – mein Gott, es ist einfach nur schön, schön, schön!

 
   

Wir fliegen über kleine Inselchen, einige scheinen bewohnt, andere sind nur von Bäumen und Palmen durchzogen, und dann wieder glasklares, ruhiges, glattes Wasser und schließlich sehen wir eine größere Insel auftauchen: Ambergris Caye.
Der Pilot dreht eine enge Kurve und dann sehen wir auch schon die Start- und Landebahn unter uns liegen und gekonnt setzt der Pilot auf. Wir rollen aus und sind exakt an dem Ort, über den Madonna vor mehr als 20 Jahren sang: „Como puede ese olvidar“ – wie könnte ich das vergessen – Letzte Nacht träumte ich von San Pedro, gerade so, als wäre ich nie weggegangen, tropische Inselwinde, die Natur wild und frei...“ San Pedro – bezauberndes Karibikstädtchen – wir kommen.

   

Wir sind in San Pedro gelandet, am Flughafen erwartet uns Ricardo, der Boat-Captain unserer Fishing Lodge „El Pescador“. Er spricht Englisch, hat ein wunderbar karibisches Lächeln auf den Lippen und stellt uns Felipe, dem Taxifahrer vor, der so beleibt ist, wie man sich einen älteren Mann in der Karibik eben vorstellt. Wir fahren um 2 Ecken, vorbei an der Schule mit Hunderten wild herumtollenden Kindern in blau-weißer Schuluniform. An dieser Kleidung erkennt man, dass dies einmal britische Kolonie war. Es ist im Übrigen auch das einzige zentral-amerikanische Land, in dem Englisch die Hauptsprache ist, doch Ricado sagt, dass fast alle auch spanisch sprechen und die meisten auch Creaole, ein Slang, der vor allem aus Jamaika sehr bekannt ist. Ja, die Engländer hatten eines Tages den Spaniern das Land abgenommen, die eigentlich an diesem Flecken gar nicht interessiert waren, weil es keine Bodenschätze und nichts auszuschlachten gab – es bestand einfach nur aus schöner Natur und Meer – und .... dem längsten Barriereriff der nördlichen Hemisphäre.

Das Riff ist fast 1 Meile außerhalb der Küste fast ununterbrochen präsent und viele Schiffe schlugen an diesem Riff leck und gingen unter. Es war schwer bis an Land zu gelangen, und dadurch war das ganze Land auch immer wieder Zufluchtsort von Piraten, die geschickt die wenigen Durchgänge nutzten und sich im Innern versteckten oder an Land gingen. Erst die Briten fanden den regulären Zugang zum Festland und nahmen das Land für sich in Anspruch und so hieß es bis 1982 „British Honduras“.
Wir fahren vorbei an bunten Holzhäusern, die wie auf Stelzen gebaut sind, mal mintgrün, mal himmelblau und sind schon an der anderen Seite der Insel angekommen, steigen aus und werden zum Boot geführt. Ricardo verstaut das Gepäck, platziert uns so, dass das Boot gut ausbalanciert ist und fährt langsam los. Kaum hat er die letzte Boje passiert, fährt er den 80PS Motor auf Höchstleistung und wir steigen aus dem Wasser und reiten auf den leichten Wellen über stahlblauem Wasser. Im Osten sehen wir mächtige Wellen gegen das Riff prallen, weiße Gischt spritzt meterhoch in den Himmel, aber das Riff scheint alle Wellen zu bändigen, denn wir ‚fliegen’ nur über kleinere Wellen, entlang der Küste, vorbei an einem wunderschönen, himbeerfarbenen Haus, an Hütten und an halben Festungen. Immer wieder ragen Docks ins Meer und auf der anderen Seite zeigt uns Ricardo zwei Delphine, die dort nahe am Riff in den Himmel springen und wieder elegant ins Wasser gleiten. Wir nähern uns unserem Ziel und gleiten langsam an einem großen Dock entlang, mit einem strohgedeckten Ende und einigen festgemachten Booten.

   

Ricardo schippert in eine „Parknische“ und zwei Einheimische nähern sich uns mit Schubkarren in der Hand – hinter ihnen zwei gemächlich trottende Labradors und ein smarter junger Mann mit amerikanisch gekonntem Lächeln auf den Lippen: „Welcome to El Pescador – I’m Robert, Guest Relation Manager and your Fishing Host“, und eine stattliche Persönlichkeit, die uns auf deutsch begrüßt:

 
   

„Herzlich willkommen im Paradies – ich bin Hans, General Manager im El Pescador, und ich freue mich, endlich mal wieder Leute von zu Hause zu treffen. Wie war die Reise?“
Wir sind beeindruckt von der Herzlichkeit, von der Umgebung, der Natur, Hunderten von Kokospalmen, glasklarem Wasser und einer weiß im Sonnenlicht schimmernden Lodge, ganz aus Holz, und von einem deutschen Baumeister erbaut, wie uns Hans erklärt. Wir werden in die klimatisierte Rezeption geführt, müssen ein Meldeformular ausfüllen und bekommen erste Instruktionen „... dies ist unser Fliegenfischer- und Souvenirshop ... geöffnet von 6:30 Uhr bis 18:30 Uhr ... wenn geschlossen ist, findet Ihr uns in der Anlage ... Bar so lange geöffnet, bis der letzte Gast geht ... Frühstück von 6:15 Uhr ... Euer Fishing-Guide kommt um 7:00 Uhr um Euch abzuholen ...  Material, das Ihr mieten könnt, wenn Ihr nicht alles dabei habt ...“ zuviel, um wirklich im Gedächtnis zu bleiben, und wir bekommen einen Begrüßungsdrink in die Hand gedrückt.

Robert führt uns wenige Meter neben die Lodge, wo 4 große, 2-stöckige Villen um einen Pool gruppiert sind und wir gehen die Außentreppen zum ersten Stock hoch, betreten den Raum und sind erst einmal wie erschlagen von der Größe, von den schönen Möbeln und dem atemberaubenden Blick hindurch zwischen Kokospalmen auf eine grünlich-blau schimmernde karibische See: Bambusmöbel mit tiefen Polstern, Deckenventilatoren, die ihr unaufhörliches Spiel treiben, obwohl der Raum schon klimatisiert ist, eine Essecke mit Tisch und hohen Stühlen aus edlem Holz, Couch, Sessel mit Fußablage, eine Frühstücksbar mit hohen, massiven Barhockern und dahinter eine Küche, mit allen notwendigen Geräten ausgestattet, daneben ein geräumiges Badezimmer mit marine-blauen großen Kacheln.
In der Mitte zwischen 2 großen Fenstern eine doppelte Glastür auf eine riesige Veranda, die ganz aus Holz ist, Gartenmöbel ebenfalls aus Bambus, und zum Schlafzimmer müssen wir wieder ins Wohnzimmer zurück, gehen drei Stufen nach unten und stehen in einem großen Schlafzimmer wieder mit Bambusmöbeln, die Betten mit bunten Stoffen bedeckt, die soooo karibisch sind und dieses karibische Farbspiel vervollständigen, das schon im Wohnzimmer sehr beeindruckend war. Ich lasse mich aufs Bett fallen, beginne zu träumen, und bekomme gar nicht mehr mit, wie die Anderen zum Pool gehen und ein erfrischendes Bad nehmen – ich schlafe innerhalb von Sekunden ein.

 
   

Gegen 18:00 Uhr wache ich auf und spüre den Jetlack: Hätte ich doch bloß nicht so lange geschlafen, und ich gehe unter die Dusche. Danach bin ich ein anderer Mensch, voller Tatendrang und ich treffe alle anderen an der Bar. Es sind etwa 15 weitere Gäste aus den USA da, Larry aus Michigan hatte heute wohl einen „Grand Slam“, und er ist total begeistert: Morgens hatte er seinen ersten Tarpon, am Nachmittag dann fing er innerhalb einer Stunde einen 8-Pfund-Permit und einen

 

4-Pfund-Bonefish. Alle dürfen sich die Bilder anschauen, die er vom 2. Mann im Boot digital fotografieren lassen hat. Ich bin immer noch verschlafen, bestelle einen Kaffee, den es leider nicht gibt und wechsle dann zu einem kräftigen karibischen Rum and Coke. Draußen spielen Robert und Hans Shuffleboard mit 2 Gästen und ein verliebtes Pärchen sitzt neben dem Pool unter einem mit getrockneten Palmwedeln gedeckten Sonnenschirm. Ich gehe zum Pool und werde freudig von den beiden Verliebten begrüßt – sie sind etwa Mitte 40 und stellen sich vor als Susie und Chuck aus Prescott, Arizona. Mensch, das ist alles so unkompliziert hier und so herzlich, und wir kommen sofort ins Gespräch – bis schließlich eine Glocke klingelt, was wohl das Zeichen zum Abendessen ist.

„Salisbury Steak“ – bestes, wahrscheinlich amerikanisches Beef mit gekochten Tomaten und Zwiebeln, ein Shrimp-Spieß mit Ananas, gebratene Kochbananen, gekochter Mais, schwarze Bohnen und Reis stehen auf dem warmen Büffet. Daneben ein großes Salatbüffet mit Grünsalaten, Tomaten, Gurken, Karotten, Zwiebeln, Oliven, gekochten Eiern, Croutons, einigen Zutaten in kleinen Karaffen,  verschiedene Dressings und eine Menge kleiner Dekorationsartikel – ein Genuss fürs Auge und auch für den Gaumen, wie sich herausstellt.
An den Tischen sprechen alle übers Fischen und mehr als die Hälfte der Gäste haben Hemden oder T-Shirts mit Fischmotiven an. Auch hier ist Englisch die vorherrschende Sprache. Unsere Gruppe ist nicht sehr gesprächig; alle sind durch den Jetlack einfach nur übermüdet, und ich habe als Einziger zuviel geschlafen. Trotzdem fühle ich mich wie unter einem Schleier, der alles dämpft, auch das Restaurant viel dunkler aussehen lässt, als es ist, und ich sehne mich nach meinem Bett. Kein Dessert kann mich jetzt halten. Ich gehe so schnell wie möglich in unsere Villa und schlafe wieder in Kleidern ein, weil ich mich nur kurz hinlegen wollte.

Leider wache ich schon um 3:00 Uhr auf. Ich dusche so leise wie möglich, um die Anderen nicht zu wecken und setze mich dann für eine Stunde auf den Balkon; es ist eine sternenklare Nacht und das Meer glitzert silbern im Mondlicht – ein wunderschöner Anblick, und ich beschließe, ein paar Runden im Pool zu schwimmen. Das Wasser ist sehr erfrischend, und erst im Pool merke ich, wie warm es doch draußen ist. Es müssen auch in der Nacht noch um die 20°C sein, oder sogar noch wärmer. Ich schwimme ein halbe Stunde lang und sehe dann, dass im Restaurant schon Licht brennt. Ich gehe hinüber durch den warmen Sand und treffe draußen einige der Gäste; jeder hat schon eine Tasse Kaffee in der Hand. Ich hole mir ebenfalls eine Tasse und gehe hinaus aufs Dock, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Ein paar Boote flitzen vorbei und es ist ein absolut friedvoller Anblick, die Sonne aus dem Meer aufsteigen zu sehen. Sie steigt sehr schnell, was nichts ungewöhnlich ist, so nahe am Äquator. Im Hintergrund ist ein kontinuierliches Rauschen vom Riff wahrzunehmen. Man sieht weiße Schaumkronen über die ganze Länge des Horizonts, und wieder sehe ich 2 Delphine, die etwa 60 Meter von mir entfernt ihre Kreise ziehen. Sie sind offenbar auf Jagd und lassen sich durch nichts beeindrucken. Sie verschwinden langsam aus meinem Blick, und ich gehe in die Villa um mich anzuziehen. Jetzt sind alle Anderen auch wach, teils schon fertig geduscht, und jemand hat Kaffee gemacht. Allerdings ist der Kühlschrank absolut leer, und so gehen wir alle zum Frühstück ins Restaurant.
Nun haben fast alle Gäste Fischerhemden und Fischerhosen an. Die meisten haben Caps auf und das Frühstück erscheint wie eine unangenehme Pflicht, weil alle auf das Fischen gespannt sind. Ich bin sehr aufgeregt und esse nur ein bisschen Obst: wunderbare Papayas und Mangos, die geschmacklich nicht mit den in Europa erhältlichen vergleichbar sind, Wassermelonen und Cantaloup Melonen und frisch gepresster Orangensaft, das ist das absolut untypische „Fischerfrühstück“, das ich zu mir nehme, und ich sehe eine Menge Guides über das Dock in die Lodge kommen, während weitere Boote schnell Richtung der noch wenig freien Anlegestellen flitzen.
Ich bin ohne einen zweiten Mann mit Gilberto als Guide eingeteilt, und er fragt mich in einem karibischen Slang auf Englisch, was ich denn heute angeln wollte. Ich sage in einem fragenden Ton „Tarpon“? und komme mir dabei so klein vor, denn noch nie habe ich einen Tarpon gefangen.

   

Gilberto begutachtet meine Ausrüstung, rümpft mal hier und mal da etwas die Nase, oder hat auch mal einen anerkennenden Blick übrig und geht dann mit mir in den Fishing-Shop, um die richtigen Fliegen einzukaufen. Bevor ich noch irgendetwas sagen kann, greift er sich auch schon 5 Fliegen aus einem riesigen Angebot und zeigt sie Robert, der den Einkauf freundlich aber diskret notiert.

 
   

Gilberto holt mein Lunchpaket und im nächsten Moment sitze ich in einem sehr bequemen und gepolsterten Stuhl auf Gilberto’s Boot und wir fliegen wieder regelrecht über die Wellen. Gilberto fährt etwa eine Stunde mit mir und stellt schließlich den Motor ab.

Hier soll ich also meinen ersten Tarpon fangen! Ich bin total aufgeregt und komme mir vor wie ein kleiner Schuljunge vor dem ersten Schultag. Gilberto erklärt mir, dass er sicherlich die Fische lange vor mir sehen würde, und ich denke, ob er wohl glaubt ich sei blind. Er zeigt nach Osten und sagt: „This is 12 o’clock!“ beschreibt Süden als 3 o’clock, Westen als 6 o’clock und Norden als 9 o’clock, und sobald er einen Fisch ausmachen würde, würde er ihn ankündigen zum Beispiel mit „80 feet, 10 o’clock“, was so viel bedeuten würde wie ‚80 Fuß weit weg, in süd-süd-östlicher Richtung’ und schon ruft er tatsächlich „10 o’clock 90 feet, big Tarpon, at least 50 pounds“ und ich sehe und sehe nichts! Kein Fisch weit und breit! „75 feet, 10 o’clock“ wo? Ich beginne wie wild an meiner Rute zu zerren, der Hacken verheddert sich, ich bin schweißnass und Gilberto schreit „Man, are you crazy? – 60 feet 10 o’clock“. Ich vergesse alles, was ich bisher gelernt habe, bin unfähig irgendetwas richtig zu machen, reiße wie wild an meiner Rute, weiß nicht mehr, wie viel 75 Fuß sind und lasse die Fliege ins Wasser klatschen, sicherlich nicht 10 o’clock, sicher nicht 75 Fuß, und Gilberto schaut mich an, als wäre ich bescheuert.
Nun sehe ich den Tarpon, und mir stockt der Atem: Keine 10 Meter von uns entfernt schwimmt ein riesiger Fisch auf unser Boot zu, und ich bin wie gelähmt. Ich fixiere den Tarpon und er scheint mich im Blick zu haben und in aller Seelenruhe schwimmt er nur etwa mehr als 1 ½ Meter an unserem Boot vorbei. Ich habe einen Kloß im Hals, als hätte ich ein Haus verschluckt und es muss schon ziemlich dämlich ausgesehen haben, wie ich da mit weit aufgesperrtem Mund im Boot stehe, meine Angel krampfhaft festhaltend, denn Gilberto starrt mich wie entgeistert an. Er sagt irgendwas von „incredible ...... opportunity ....... once in a week ......“ aber seine Worte prallen an mir ab und ich höre nichts mehr! Mann, war das eine Chance! und ich habe alles vermasselt.
Ich könnte mich in den Boden hinein schämen und irgendwie ist mir die Lust für heute vergangen. Die Natur nimmt mir aber ohnehin jede Entscheidung ab, denn ich sehe keinen einzigen Tarpon mehr. Gegen 14:30 Uhr brechen wir auf, fahren wieder zurück ins El Pescador, und ich höre mir neidisch die Berichte der anderen Gäste und Mitglieder unserer Gruppe an, schweige kleinlaut und bin froh, dass man mich in Ruhe lässt und nicht weiter fragt. Irgendwie hat der ganze Tag einen schalen Geschmack bekommen; selbst das gute Essen will mir nicht so recht schmecken: Es gibt eine ganze Lammkeule mit Petersilienkartoffeln, Snapper in Kräutern, verschiedene Gemüse und das tolle Salatbüffet. Ich spüle nach dem Essen meinen Frust mit Pina Colada hinunter, trinke danach Rum and Coke und spiele eine Partie Pool Billard, wo ich mir die letzte Niederlage des Tages einhandle und ich beschließe, noch eine halbe Stunde in eine der Hängematten zu liegen, um mich an den schönen Sternenhimmel zu erfreuen, lege mich in die Hängematte und wache erst um 3:00 Uhr am kommenden Morgen wieder auf. Ich kämpfe mit mir, ob ich nun versuchen sollte weiterzuschlafen oder das Risiko eingehe, in die Villa hinüber zu gehen, dabei aber richtig wach zu werden und womöglich nicht mehr einschlafen zu können, und gehe dann doch auf mein Zimmer, wo ich schließlich noch 2 Stunden schlafen kann.

Ich bin richtig ausgeschlafen und habe neuen Optimismus für einen neuen Tag. Als ich mich aufsetze, höre ich den starken Wind heulen und als ich dann am Fenster stehe, sehe ich, wie sich die Palmen dem Wind beugen.

 
   

Nach einem ausgiebigen Frühstück treffe ich Gilberto, der ein wenig Bedenken wegen des starken Windes hat, und er überredet mich schließlich, nach einer „spin rod“ zu fragen, und wir beschließen, heute auf Bonefish oder vielleicht Permit zu gehen, fahren wieder fast eine Stunde vorbei an türkiesfarbenen flachen großen Flächen im Wasser, sehen, wie sich der Ozean mit weißen Schaumkronen am Riff bricht, und heute sieht man sogar kleinere Wellen, die es geschafft haben, über das Riff zu gelangen

 

und im seichten Wasser für Unruhe zu sorgen. Gilberto steckt seinen langen Stock ins klare Wasser, macht das Boot daran fest und lässt mich in Ruhe meine Vorbereitungen beenden. Es ist 8:00 Uhr und ich fange an diesem Tag bis 11:00 Uhr 17 Bonefish, die meisten zwischen 1 und 2 Pfund, aber ich habe auch einen Fünfpfünder am Hacken und kaum dass ich einen Bonefish vom Hacken mache, beißt schon der nächste an. Gegen 11:00 Uhr sehe ich, dass ein weiterer Bonefish angebissen hat. Ich hole die Leine ein, und sehe, wie plötzlich ein riesiger Fisch auf meinen Fang zuschießt. Es gibt einen kurzen Ruck an der Angel, als mein Fisch zur Beute dieses riesigen  Fischs wird, und dann hängt meine Leine schlaff an der Angel. Gilberto ist sich nicht ganz sicher, ob dieser Dieb ein Hai war oder ein großer Barracuda; auf alle Fälle ist meine Fliege mit samt dem Leader und ein Teil der Leine abhanden gekommen, und wir beschließen, unseren Bootlunch rauszuholen, und ich verzehre genüsslich mein Roastbeef Sandwich. Separat verschweißt hat man einige Tomatenscheiben und Salatblätter beigegeben, die ich mit der beiliegenden Mayonnaise verzehre, und dann begreife, dass sie sicherlich als Zugabe für das Sandwich gedacht waren – egal. Ich trinke meine Limonade, oder wenigstens wird das Getränk auf dem Bestellformular so genannt, wir würden sicher gepresste Zitrone oder Limone mit Wasser dazu sagen. Der Tag ist wunderschön, ein blauer Himmel wie aus dem Bilderbuch grüßt mich, und ich beschließe, noch ein wenig zu fischen, mache aber an diesem Tag keinen Fang mehr.

Wir treten den Heimweg etwas früher an und sind um 14:30 Uhr wieder im Resort. Diesmal warte ich gespannt auf die Anderen, begrüße meine Freunde am Dock und habe viel zu erzählen. Offenbar habe ich den größten Fang gemacht und ich bin stolz.
Wir beschließen den Nachmittag im Pool, bekommen Pina Colada an den Beckenrand geliefert und ziehen uns dann fürs Abendessen um. Heute gibt es einen Themenabend: „In 80 Minuten um die Welt“ heißt das Büffet und es gibt Spezialitäten wirklich von allen Kontinenten: Ein Mittelmeer-Vorspeisen-Büffet, Ojja, eine arabische Spezialität, Fischfilet mit fein geschnittenem Gemüse, Ingwer, Sojasoße und Honig –asiatisch süß-sauer, Tarte flambée aus Frankreich, Spaghetti Carbonara, eine karibische Ecke mit frischen Kokosnüssen, einer ganzen Bananenstaude, einem umgekehrt gebackenen Ananaskuchen, Zuckerrohr, viele weitere Leckereien  und einer wunderschönen Dekoration. Als Aperitif bietet Hans echten Mojito an, das Nationalgetränk Kubas und auch die Musik ist kubanisch. Hans erklärt alle Speisen und lässt seine Vorliebe für gutes Essen an uns allen aus, denn wir essen mal wieder viel zu viel.

Nach dem Essen bietet Hans uns an, mit nach San Pedro zu fahren und wir fahren im großen Boot durch die Dunkelheit, bis nach 10 Minuten San Pedro auftaucht und Hans das Boot festmacht. Wir drehen eine kleine Runde durch die kleine sympathische Stadt und enden schließlich im „Fido’s“, einem riesigen Lokal mit Palapa-Dach, ein Material, das wie Stroh aussieht, aber aus Palmenblättern besteht. Rund herum ist die Kneipe offen und es gibt eine kleine Bühne mit Lifemusik.

   

An diesem Abend spielt ‚Barefoot Skinny’ Keyboard und Gitarre und ein Drummer sorgt für Rhythmus. Skinny hat ein tolles Repertoire eigener und bekannter Lieder anderer Interpreten. So spielt er Songs von Bob Marley, von Tom Petty oder Otis Redding, und er ist offensichtlich auch ein sehr guter Entertainer, findet einen guten Draht zu seinem Publikum, und nach wenigen Momenten begrüßt er auch die „people of El Pescador and Manager Hans“ und widmet Hans einen Song von Tom Petty  ‚Learning to fly’ und Hans singt aus

 
 

voller Kehle mit: Irgendwie haben hier tatsächlich alle gute Laune und Skinny spielt eine Art Musik für Leute mit guter Laune, und das gute Feeling wird dadurch noch besser. Ich trinke etwas zu viel und bin froh, als wir gegen 23:00 Uhr zurück in die Lodge fahren. Ich schlafe wie ein Sack, bin aber am nächsten Tag nicht richtig ausgeschlafen – sicherlich ein Resultat meines hohen Alkoholgenusses.

Wieder gibt es zuviel Wind und wir entscheiden uns wieder für die Spin Rods. Der Vormittag tingelt ganz langsam vor sich hin, ich habe keine Ambitionen, keine Ansprüche, lasse einfach die karibische Atmosphäre wirken und träume vom sweet life in diesem Paradies, als meine Angel heftige Bewegungen macht und ich die ganze Rute fast aus den Händen verliere. Ich packe fester zu, und im nächsten Moment sehe ich etwas geschossartig aus dem Wasser heraus schießen, und Gilberto schreit: „Tarpon, Tarpon, you got a Tarbon“ und ich versuche, meine Angel ja nicht zu verlieren, denn am anderen Ende wirken riesige Kräfte. Der Tarpon taucht ins Wasser ein, und ich sehe die Leine fast parallel zum Boot entlang schießen, hole mehr Leine ein, sehe den Tarpon wieder aus dem Wasser schießen, gebe ein bisschen nach, weil mir das Hans als Tipp mitgegeben hat, falls ein Tarpon in der Luft ist, und ziehe wieder an, als er eintaucht. Ich höre und sehe nichts mehr, bin allein mit dem Tarpon, nehme nicht einmal mehr Gilberto wahr, und Schweiß läuft mir kübelweise durchs Gesicht und wird vom Stoff meines Hemdes aufgesogen. Ich kämpfe fast 30 Minuten mit dem Biest, kann mir kaum vorstellen, dass ein solches Tier so viel Energie freisetzen kann, und als das Tier endlich längs am Boot ist, holt Gilberto es mit einem gekonnten Griff aus dem Wasser: Es ist ein etwa 12-Pfund-Tarpon und ich bin wie benommen, teils vor Erschöpfung aber teils auch vor Ehrfurcht. Wow, nun habe ich endlich meinen ersten Tarpon gefangen, und das mit einer Spin Rod. Wenn ich das den Leuten im El Pescador erzähle, werden sie mir das gar nicht glauben. Ich bedaure, keine Kamera dabei zu haben, und nachdem Gilberto den riesigen Fisch vermessen hat, entlassen wir ihn wieder ins flache Wasser. Er macht ein, zwei kräftige Flossenschläge und ist auch schon verschwunden.

Ich sage Gilberto, dass ich nicht mehr weiter angeln möchte, und wir fahren langsam zurück in Richtung San Pedro. Als wir den Ort passieren, frage ich Gilberto, ob er mich aussteigen lassen kann, mein Material zurück bringt, damit ich dann mit dem Wassertaxi in die Lodge zurückkehre könne, und Gilberto ist einverstanden.
Ich bummle ein wenig durch diesen charmanten Ort, der eigentlich nur aus 2 Straßen besteht, aber einen unglaublich charmanten Eindruck macht: voller Lebenslust, karibischer Ausstrahlung und Freude, und ich bummle durch die ‚Middlestreet’, die zwar nicht so heißt, aber von allen so genannt wird, weil sie den Ort in der Mitte durchscheidet. Aus jedem dritten Haus dringt mal laute, mal leise Musik, die Gesichter, die einem begegnen, lächeln ungezügelt und trotz vieler Leute auf der Straße wirkt trotzdem alles verschlafen oder ‚laid back’. Es gibt viele Souvenirshops, Bars, Kolonialwarenläden, und fast alle Häuser sind aus Holz. Womöglich sind es die vielen verschiedenen freundlichen Farben, die dieses bunte Gemisch so freundlich erscheinen lassen: Ein Haus ist in einem zarten Mint, das nächste rot, dann ein intensiv blaues Haus, dann türkis, und überall dieses Lächeln: Mensch, hier würde ich’s aushalten und könnte für immer bleiben.

 
   

Ich biege in eine Seitenstraße ab, komme vorbei an einem Fleischwarenladen, dann einer Bäckerei, sehe die Post, als ich in die Frontstreet einbiege, und als ich schließlich bei Fido’s um die Ecke biege, um dort einen Drink zu nehmen, sehe ich die anderen Mitglieder meiner Gruppe fröhlich an einem Tisch sitzen: ‚Schau an, das nennt man also Fischen’ – begrüße ich sie, und sie lachen ausgelassen, erzählen mir, dass sie kein Glück hatten und dann beschlossen haben, früher

 

zurückzukehren und spontan in San Pedro ausgestiegen seien, weil dieser Ort so etwas Lebenslustiges hätte, und alle staunten mit ungläubigen Gesichtern, als ich meine Geschichte von meinem Tarpon erzählte. Wir sind ausgelassen und fröhlich und kehren erst kurz vor dem Abendessen ins El Pescador zurück.
Nach einer Dusche geht’s ins Restaurant, wo ein belizeanisches Essen angesagt ist: Hähnchen, schwarze Bohnen, Reis, ein Kartoffelsalat, Coleslaw-Salat und gegrillten Fisch mit Gemüse und Ananas. Das Essen ist wieder einmal ausgezeichnet und wir essen wieder zuviel.
Diesmal sitzen wir nach dem Essen auf unserem eigenen Balkon, trinken ein paar Gläschen Chardonnay und lassen den Abend langsam ausklingen. Ich gehe früh schlafen und schlafe tief und lange.
Am kommenden Tag fährt Gilberto mit mir nach Norden; ich habe schon fast das Gefühl, dass wir nahe der mexikanischen Grenze sind. Hier gibt es sehr viel weniger Wind, und ich kann endlich wieder Fliegenfischen. Schon nach wenigen Minuten meldete er einen Tarpon at 1 o’clock, 35 feet und ich caste meine Fliege in einem fast perfekten Wurf direkt vor das Maul des Tarpon, den ich bis dahin noch nicht einmal gesehen habe. Der Tarpon beißt an und sobald ich den Hacken vollends setze beginnt er abzuzischen. Schließlich katapultiert er sich weit aus dem Wasser und ich kämpfe einen 40minütigen Kampf mit ihm. Diesmal ist der Tarpon etwas kleiner, vielleicht 10 Pfund, aber das ist mir egal: Ich fühle fast so etwas wie Routine und bin im 7. Himmel. Wir entlassen den Tarpon wieder und nach etwa einer Stunde habe ich wieder einen Fang an der Rute. Diesmal ist der Kampf nicht so hart und nicht so lange, aber ich habe meinen ersten Permit an der Angel. Und dieser Fisch ist wunderschön. So ästhetisch und wie gezeichnet: Ich hatte noch nie einen echten Permit gesehen und bin fasziniert von der Schönheit dieses Fisches.
Auch den Permit entlassen wir schließlich und Gilberto feuert mich an, nun den Grand Slam für den Tag voll zu machen. Dazu müsste ich einen Bonefish fangen. Gegen 13:30h beißt tatsächlich ein riesiger Bonefish an, und ich bin total aufgeregt. Das ist mein erster Grand Slam, sage ich mir, und im nächsten Moment ziehe ich zu ruckartig an der Rute, die Leine reißt und ich verliere ihn. Bis zum Ende des Ausflugs habe ich keinen Fang mehr, aber ich bin angestachelt und will meinen Grand Slam.
Gleich nach meiner Rückkehr hole ich mir an der Rezeption ein Paddel, nehme meine Rute und ein paar Fliegen, die wie kleine Shrimp aussahen, und ich gehe zum rückseitigen Dock, mache eines der Kajaks los, fahre durch einen schmalen und kleinen Tunnel aus Mangroven und erreiche schließlich eine große Lagune, die von Fischen nur so wimmelt. Ich versuche über mehr als 2 Stunden, meinen Bonefish zu fangen, habe aber kein Glück, und so beschließe ich den Grand Slam aufzugeben. Auf dem Weg zurück finde ich den Eingang zum Mangroventunnel nicht mehr, und nach fast einer Stunde Suche gebe ich auf, lande irgendwo mit dem Kajak und mache mich zu Fuß auf die Suche nach unserem Resort und finde es schließlich mit Hilfe eines Einheimischen. Ich habe wieder viel zu erzählen, aber auch mein Missgeschick mit dem Kajak macht die Runde und ich ernte einige mitleidige Gesichter oder hämisches Grinsen, komischerweise nur aus unserer Gruppe.

   

Unser letzter Abend bricht an, wir machen uns fürs Abendessen fertig, und heute gibt es ein großes BBQ draußen auf der großen Veranda vor dem Restaurant. Das Salatbüffet mit leckeren Rohkostsalaten, den Dressings, kleinen Zutaten wir Oliven, Croutons, Fetakäse, Zwiebeln, Kräuter, kleine Karaffen mit Olivenöl, Kokosöl, altem Weinessig oder Balsamico, oder Limonensaft und auf dem anderen Tisch ist eine Kochplatte mit diversem Gemüse, Baked Potatoes, Sour Cream, Maiskolben und verschiedene Platten, auf die ständig Fleisch und Fisch oder Meeresfrüchte vom nahen Grill gebracht werden.
Es gibt Spareribs, Hähnchen in Marinade, Würstchen, Hummer und Snapper und alles ist soooo lecker, dass man sich kaum beherrschen kann. Nach einem ausgiebigen Mal, das mit guter Laune und karibischer

 
 

Musik untermalt ist, verzichte ich auf den Nachtisch und ich gehe in die Villa, um meine Sachen zu packen.
Nach einer Nacht mit wunderschönen Träumen, vom Sternenhimmel, San Pedro und karibischen Schönheiten, wache ich am nächsten Morgen fast zu spät auf. Alle sind schon abreisefertig, haben gefrühstückt und ich habe Mühe, mich von diesem paradiesischen Ort zu verabschieden.
Wir kaufen ein paar Souvenirs, verabschieden uns von den übrigen Gästen und von dem freundlichen Personal und Ricardo bringt uns zurück nach San Pedro, wo wir mit dem 7-Uhr-Flieger nach Corazal fliegen, den Transfer über die Grenze, mit dem Taxi nach Cancun, und ich bin in Gedanken noch in San Pedro, sehe im Traum das Resort, Robert, Guadelupe, Onika, aber auch Gilberto vor mir, den aus dem Wasser schießenden Tarpon, das lange Dock, die Delphine und die paradiesische Atmosphäre, und ich bin mir sicher, dass ich wiederkomme.

   

Autor: Hans Wagenhaus, 20.06.2003




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