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Denk ich an Norwegen in der Nacht ...
oder der Norwegenvirus
Eine nicht so ganz ernst zu nehmende, aber doch zum Nachdenken anregende Betrachtung zum “Norwegenangler”

Du auch Norwegen-Anfänger ?

Hätte ich in jungen Jahren Zugang zu solch unendlichen Mengen von Informationen über das 'Angeln in Norwegen' gehabt, wie man sie heute mit ein paar Mausklicks runterladen kann, hätte ich mir einstmals viel Zeit und teure Experimente ersparen können. Hätte, wie gesagt.

Damals erging's mir aber wohl kaum viel anders, wie es den meisten Norwegen-Frischlingen damals erging: Angesichts eines schönen Fisches aus heimischen Gewässern hörte ich zum ersten Mal Stimmen im Umfeld davon munkeln und raunen, dass der Fisch ja nicht schlecht sei, aber in Norwegen ... da sei alles größer, länger, schwerer und überhaupt auch viel besser und schöner.

Nach ein paar weiteren schönen heimischen Fischen, die zumindest meine Mutter einfach nur toll fand, und einigen Dutzend ähnlicher leicht herablassender Kommentare aus dem Umfeld, gefolgt von Lobgesängen über Norwegen, baute sich vor meinem geistigen Auge langsam eine rosarote Brille auf, vor der dann großformatig die Buchstaben NORWEGEN tanzten.

Irgendwann stolperte ich dann am Kiosk über eine der üblicherweise und nach wie vor fett aufgemachten Überschriften einschlägiger Magazine zum Thema Norwegen und opferte leichten Herzens mein letztes Taschengeld auf dem Altar des ungestillten Wissensdurstes und ungezähmten Tatendranges. In der Folgezeit leistete ich mir kaum noch mal eine Packung Kaugummi, aber Zuhause häuften sich die Angel-Magazine langsam zu einem ansehnlichen Stapel mit Dutzenden Artikeln zum Thema Norwegen und in mir reifte die Erkenntnis heran, dass das Angeln an meinen bis neulich noch heiß geliebten heimischen Gewässern sicherlich nur ein blasser Furz sein könne im Vergleich zum offenbaren Angel-Himmelreich Norwegen. Wo ja doch auch wohl hinter jeder norwegischen Vermieter- oder Veranstalter-Anzeige die NonPlusUltra-Erlebnisse und Traumfische in Reih und Glied auf Abruf standen und auf mich, den Norwegen-Neuling warteten.

Unter dem nachhaltigen Eindruck der satten Magazin-Superlative verballerte ich dann einen Lehrlingslohn nach dem anderen in Gerätschaften, von deren Existenz ich bis dahin noch nicht mal was geahnt hatte. Mein Vater machte große Augen und murmelte irgendwas von "bleibenden Rückenschäden", aber in Superlativ-Norwegen tanzt man ja wohl nicht mit einer abgelutschten Bambus-Stippe an. Das konnte der Angelshop-Fritze nur aus vollstem Herzen bestätigen.

Und natürlich, wer riskiert schon offenen Auges, DAS Abenteuer seines Lebens wegen einiger mickriger Taler womöglich in Frage zu stellen? Also musste selbstredend alles in doppelter- und dreifacher Ausführung ran und noch'n bisschen was Extra, weil, man weiß ja nie und so. Und wer so dem Ruf der Wildnis folgt, braucht natürlich auch das passende Outfit und väterliche Bemerkungen wie "Wat nu denn, Fremdenlegion oder Vietnam?" prallen da schlicht ab.

Viele Wege führen zu ebenso vielen verschiedenen Arten von Norwegen-Abenteuern. Mein allererster Trip in's große Abenteuer war ein recht herbes Ding, in jeder Beziehung. Nicht jeder hat eben eine Ader für Reisebegleitende Kampfgesänge bierseeliger Vereinsmeierer, abgestandene Busfahrer-Witze, hauchdünne muffelige Schaumstoffmatratzen in Brettchen-Bettchen, Hütten im Karnickelstall-Format, trostlose Verpflegung und überladen dahinkriechende Boot-Karikaturen. Solcherlei abenteuerliche Angebote gibt's heutzutage wohl kaum noch.

Nichts desto weniger erwischte mich der Norwegen-Virus schon auf dieser allerersten Tour, doch das kapierte ich erst später. Wie ich wieder an meinem heimischen Lieblingsgewässer rummachte. Das hatte sich jetzt irgendwie sehr verändert. Drastisch. War zu kurz geworden, zu schmal, zu klein, zu eng, zu trüb, zu flach, zu kaputtreguliert, zu überlaufen, zu ... alles.

Also, ab nach Norwegen. Allein und auf gut Glück und der Nase nach. Auf die Suche nach dem kaum vernünftig beschreibbaren Gefühl im Bauch, das sich an den heimischen Gewässern nicht mehr so recht einstellen wollte. Die ersten paar Jahre und Male für zwei-drei Wochen, dann Monate und halbe Jahre kreuz und quer durch Norwegen. Mühsames, teures Herumgesuche und zeitraubendes Erkunden von Neuland, aber nie auch nur eine Sekunde Langeweile. Wechselweise herbe Enttäuschungen und Unvergessliches.

Heute, im Zeitalter des WWW wissen oft sogar die frischesten Norwegen-Frischlinge weit mehr Nützliches über das "Angeln in Norwegen", wie die ältesten 'alten Hasen' von anno Dunnemals. Und das ist gut so.

Alfred Nielsen, 6360 Afarnes, Norwegen
E-Post:
alfnie@frisurf.no




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